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Informatik
Interview mit Joseph Weizenbaum
Das Internet ist ein Schrotthaufen mit Perlen drin

Thomas Lingens

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Joseph Weizenbaum beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem Einfluss der Computer-technologien auf die Gesellschaft und die daraus resultierende Verantwortung. Stark kritisiert er den zunehmenden Einfluss "des Kastens" auch auf Kinder. Weizenbaum, der zurzeit in Berlin lebt, zu Informationsgesellschaft, Gleichheit im Internet, Chatrooms, dem Internetmissbrauch und möglichen Gegenmaßnahmen.

TAGESSPIEGEL: Herr Weizenbaum, 1948 bauten Sie noch als Student Ihren ersten digitalen Rechner. Es hieß, er heizte die gesamte Universitätsbibliothek. Was leisten Computer heute?

JOSEPH WEIZENBAUM: Wir könnten sehr gut auf Computer verzichten. Bislang sind wir ja ganz gut auch ohne sie ausgekommen. Es ist im Grunde wie mit den Autos. Wir könnten ebenso einen Pferdewagen benutzen. Trotzdem ist die Technik in einem gewissen Sinne großartig. Sie erleichtert einem viele Dinge. Technik kann aber auch sehr, sehr mühsam sein - wenn sie nicht perfekt funktioniert.

TAGESSPIEGEL: Werden wir klüger durch das Netz?

WEIZENBAUM: Für den, der weiß, was er sucht ist das Internet eine wunderbare Quelle. Für den, der einfach nur rumsurft, gilt das natürlich nicht. Der Zugang zu viel Wissen bedeutet eben nicht, dass man das Wissen nutzen kann. Das Internet ist ein Schrotthaufen, in dem Geld und Perlen versteckt sind.

TAGESSPIEGEL: Was verstehen Sie unter der viel beschworenen Informationsgesellschaft?

WEIZENBAUM: Es gibt im tieferen Sinne keine Informationen im Internet, es gibt nur Signale. Nur der Mensch kann aus den Signalen Informationen machen. Indem er sie durch eigenständiges Denken und Verantwortung interpretiert. Es gibt so etwas wie Medienkompetenz, das ist die Fähigkeit, zu kritischem Denken und die hängt im Wesentlichen von der Sprache ab.

TAGESSPIEGEL: Das Internet verspricht eine Gleichheit, jeder soll damit arbeiten können ...

WEIZENBAUM: Das Internet ist elitär und wird es bleiben. Die Idee der Mitgliedschaft in der Informationsgesellschaft stimmt schon deshalb nicht, weil der größte Teil der Erdbevölkerung kein Englisch spricht, und diese Sprache gehört nun mal einfach dazu. Außerdem kann in der Informationsgesellschaft nur der Mitglied sein, der eine Kreditkarte hat. Jedenfalls in Amerika, dem Land, der unbegrenzten Möglichkeiten.

TAGESSPIEGEL: Fördert das Internet mit seinen "chatrooms" die menschliche Kommunikation?

WEIZENBAUM: Ich war einmal in einem solchen "chatroom". Die zehn Minuten waren so ungeheuer trivial, dass ich gleich wieder ausgestiegen bin. Ehrlich gesagt gehe ich lieber zu meinem Stammtisch. Da habe ich mir die Leute, mit denen ich mich umgebe, selbst ausgewählt.

TAGESSPIEGEL: Welche Maßnahmen zum Schutz vor dem Internetmissbrauch durch Rechtsradikale oder Kinderpornoanbietern sind möglich?

WEIZENBAUM: Wenn man es wirklich will, ist es nicht besonders schwierig, die Schuldigen zu erwischen. Das beste Beispiel dafür ist China. Die kontrollieren das Internet mittlerweile sehr genau, aus Angst vor Regimekritikern.

TAGESSPIEGEL: Warum sollen Kinder lieber draußen spielen als vor dem Computer sitzen?

WEIZENBAUM: Weil das Kind in einer Symbolwelt spielt. Das ist nicht die Welt, in der es tatsächlich lebt. Fernsehen und Computer bieten die Illusion, das Gewünschte sofort zu bieten. Menschliche Reife hingegen liegt in der Fähigkeit, Befriedigung hinauszuzögern, nicht immer gleich das Ziel zu erreichen. Wenn der Mensch diese Fähigkeit verliert, ist das eine Katastrophe.

TAGESSPIEGEL: Hat das Computerzeitalter Einfluss auf unser Denken und unsere Sprache genommen?

WEIZENBAUM: Auf jeden Fall. Die Sprache ist das Instrument, das bestimmt, welche Aspekte der Welt wir überhaupt sehen. Der Computer und die Netzwerke werden wie jede übergreifende Idee zu neuen Metaphern.

TAGESSPIEGEL: Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Einheit "Zeit" aus?

WEIZENBAUM: Die Möglichkeit, Nachrichten, die uns überwältigen, zu interpretieren, sind wegen des neuen Charakters der Zeit sehr reduziert. Und obwohl man heute Mikro- und Nanosekunden messen kann, was vor 50 Jahren noch unvorstellbar war, kann man beispielsweise erst jetzt, 50 Jahre danach, über die NS-Zeit reden.

Quelle: Der Tagesspiegel (Nr.: 16 620) vom 28. Februar 1999


Letzte Änderung: 30. Mai 2005    Thomas Lingens

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